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„Wenn wir den Kindern helfen, helfen wir der ganzen Welt“

Schwester Margret setzt sich für ehemalige Kindersoldaten in Uganda ein

Schwester Margret Awor: „Wir haben gelernt, wie wichtig es ist, über das Erlebte zu sprechen. Nur so können die Kinder ihre schlimmen Erlebnisse verarbeiten."
Foto: Susanne Dietmann

1986 begann im Norden Ugandas ein verheerender Bürgerkrieg zwischen der ugandischen Armee und der Lord's Resistance Army (LRA). Mindestens 20.000 Jungen und Mädchen wurden in diesem Krieg als Kindersoldaten missbraucht, verschleppt, durch Drogen gefügig gemacht und zum Töten gezwungen. 2008 haben Rebellen und Regierung einen Waffenstillstand verabredet. Doch viele derjenigen, die als Kinder im Krieg gekämpft und getötet haben, sind an Körper und Seele immer noch verletzt. Schwester Margret Awor, Gründerin der Franziskanischen Jugend in Uganda (YOUFRA), setzt sich für die traumatisierten Kinder ein.

Wie ist die aktuelle Situation in Uganda? Gibt es noch immer Kindersoldaten?
Die meisten sind zurückgekehrt, aber es gibt immer noch Kindersoldaten, die für die Rebellen der LRA kämpfen müssen. Es ist sehr schwer, an diese Kinder heranzukommen. Sie sind verängstigt, denn die Rebellenführer drohen ihnen, dass sie sie finden werden, wenn sie versuchen zu entkommen. Viele schämen sich für das, was sie getan haben und haben Angst, für ihre Taten verurteilt zu werden.

Wie helfen Sie den Kindern, in ein „normales“ Leben zurückzufinden?
Viele Kinder haben im Bürgerkrieg ihre Eltern verloren und leben oft ganz allein in Flüchtlingslagern. Wir holen diese Kinder aus den Camps. Manche kommen auch auf uns zu und bitten uns um Hilfe. Immer wieder müssen wir ihnen sagen, dass sie bei uns sicher sind. Wir versuchen, die schrecklichen Erlebnisse mit ihnen aufzuarbeiten. Außerdem können sie zur Schule gehen, eine Ausbildung machen und so nach und nach ins normale Leben zurückfinden.

Die Kinder, die den Rebellen entkommen sind, sind schwer traumatisiert und leiden oft unter Albträumen. Untereinander verstehen sie sich auch ohne Worte, weil sie oft das gleiche erlebt haben. Vor uns dagegen haben die Kinder anfangs große Angst – sie wissen nicht, wie wir darauf reagieren, dass sie Menschen Gewalt angetan und getötet haben. Erst wenn sie erkennen, dass wir ihnen helfen wollen, fassen sie langsam Vertrauen.

Wir haben gelernt, wie wichtig es ist, über das Erlebte zu sprechen. Nur wenn die Kinder wieder sprechen, können sie ihre schlimmen Erlebnisse verarbeiten. Dann ist es auch möglich, vom Frieden zu sprechen.“

„Liebe sie trotz ihrer Aggressivität“

Wie gehen Sie mit dem um, was die Kinder Ihnen erzählen?
Als ich 2006 angefangen habe, mit ehemaligen Kindersoldaten zu arbeiten, war das sehr schwer für mich. Viele Kinder waren sehr aggressiv, und ich habe darüber nachgedacht, sie zurückzuschicken, habe sie bestraft. Mit der Zeit habe ich gelernt, die Kinder trotz ihrer Aggressivität zu lieben. Liebe sie, trotz all ihrer Aggressivität, habe ich mir gesagt. Und wenn die Kinder mithelfen, funktioniert das auch.

Wie gehen die Familien mit ehemaligen Kindersoldaten um?
Wenn die Kinder noch Verwandte haben, versuchen wir die Familie zu bewegen, wieder mit den Kindern zu sprechen und neu zu lernen, ihnen zu vertrauen. Oft fühlen sich die Kinder schuldig. Doch wir ermutigen die Familien, und die Familien ermutigen ihre Kinder.

Wie sieht Ihre Friedensarbeit aus?
Mehr als 20 Jahre hat der Krieg in Uganda gewütet – eine ganze Generation ist in dieser Zeit aufgewachsen. Der Krieg hat das Gefühl für das richtige Verhalten bei den Kindern zerstört und die moralischen Kategorien von Gut und Böse erschüttert. In unseren Friedensseminaren lernen die Kinder wieder, was gut und was schlecht ist.

„Wer seinen Nächsten liebt, bringt ihn nicht um“

Wie unterstützt Sie das Kindermissionswerk bei Ihrer Arbeit?
Mit der Unterstützung des Kindermissionswerks können wir Kindern helfen, die nicht „normal“ in Familien aufgewachsen sind. Moralische Werte haben sie nicht gelernt, ihnen fehlt die Erfahrung von Liebe oder Harmonie. Sie haben nur gelernt zu kämpfen und zu töten. Wir möchten noch mehr Friedenscamps veranstalten, den Kindern Liebe geben. Schon die 150 Kinder, die wir in unseren Projekten unterstützen, können viel verändern. Auch die Lehrer sollten über Frieden reden, Frieden unterrichten. Die Kinder geben Frieden und Liebe weiter – sie sind die Eltern von morgen. Wenn wir den Kindern helfen, helfen wir der ganzen Welt!

Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Kinder?
Dass sie Menschen treffen, die ihnen vertrauen und denen sie vertrauen können. Menschen, die ihnen helfen, die sie lieben, wie sie sind. Zuerst müssen die Menschen aufhören, die Kinder verantwortlich zu machen. Sie sind nicht schuld am Krieg. Die Gesellschaft hat die Kinder als Kindersoldaten missbraucht und sie verletzlich gemacht. Deshalb darf die Gesellschaft diese Kinder nicht verurteilen. Wenn die Gesellschaft sie akzeptiert, akzeptieren auch die Kinder die Gesellschaft und lernen wieder zu lieben. Der Gesellschaft fehlt Liebe, Nächstenliebe, die Liebe zu Gott. Wer seinen Nächsten liebt, bringt ihn nicht um.

Fotostrecke zum Friedenscamp in Gulu/Uganda >>