Wie eine Familie
Betreuung von Aidswaisen im Youth Alive Club in Musoma
Tansania D06 0154 002
HIV-positiv und alkoholabhängig
Sharifu schreit auf, als er seine Mutter Bhoke an einem dünnen Strick in der Mitte des Raumes hängen sieht. Geistesgegenwärtig drängt er seine beiden jüngeren Geschwister zurück und ruft laut um Hilfe. Den herbeieilenden Nachbarn gelingt es die junge Frau wiederzubeleben. Die Polizei steckt sie für ein paar Wochen ins Gefängnis - zum Schutz ihrer Kinder und zum Schutz vor sich selbst.
Das war vor zwei Monaten. Nun ist die alkoholabhängige, HIV-positive Frau wieder da. Die Kinder, die in der Zwischenzeit bei Verwandten gut aufgehoben waren, hat sie zurückgeholt. Seitdem müssen die sechsjährige Ghoti, der neunjährigen Gweso und ihr große Bruder Sharifu (13) wieder für sich selbst sorgen. Sobald die Kinder morgens aus dem Haus sind, geht ihre Mutter weg, irgendwohin. Sie schafft es nicht, ihren Kindern etwas zu Essen da zu lassen. Sie versperrt einfach die Tür des kleinen Hauses aus Lehmziegeln und kommt erst spät zurück - völlig betrunken. Dann pöbelt sie alle an, die ihr begegnen und beschimpft wüst ihre Kinder. Schon zweimal haben Vermieter die kleine Familie wegen des unverschämten Tons der Mutter rausgeworfen.
Ihren Vater Isamuyo haben die Kinder schon lange nicht mehr gesehen. Vor fünf Jahren hat er die letzten Kühe der Familie verkauft, weil ihm die Viehaltung wegen seiner Krankheit zu mühsam wurde. Auch er ist HIV-positiv. Dann ist er gegangen. Man sagt, er arbeite jetzt in einer Goldmine, vielleicht in Sambia. Auf etwas Geld und Unterstützung von ihm warten seine Frau und die drei Kinder vergeblich. Vor fünf Jahren hat Bhoke angefangen zu trinken.
In Musoma, der kleinen Provinzstadt am Ufer des Victoriasees, leben die Menschen von dem, was sie selber auf dem Feld anbauen und auf dem Markt oder an einem Stand vor ihrem Haus verkaufen. Ein großer Arbeitgeber sind die Fischfabriken, weitere Arbeitsplätze gibt es in kleinen Geschäften, Gasthäusern in der Viehzucht oder in kleineren Fabriken. Kinder sind geliebt und gewünscht - durchschnittlich hat jede Familie sieben bis acht Kinder. Nach besten Kräften setzen sich die Eltern dafür ein, dass ihre Kinder die Schule besuchen können. Denn sie wissen, nur so haben sie eine Chance, später einmal für sich selbst und ihre eigenen Familien sorgen zu können.
Aber immer mehr Kinder verlieren ihre Eltern durch Aids. Unter den Erwachsenen ist jeder Elfte mit HIV/Aids infiziert. Rund eine Million Kinder haben ihre Eltern bereits an Aids verloren - jeden Tag werden es mehr. 140.000 Kinder unter 15 Jahre sind selber HIV-positiv.
Sharifu ist ein guter Schüler. Dabei helfen ihm, Gweso, Ghoti und weiteren 140 Kindern mit ähnlichen Schicksalen die Maryknoll-Schwestern im „Youth Alive Club”. Hier bekommen die Jungen und Mädchen ihre Schuluniformen, Bücher, Schreibzeug und die Schulgebühren werden bezahlt - alles Kosten, die ihre Familien nicht tragen könnten. Jeden Tag gibt es gesundes Essen und bei Bedarf medizinische Hilfe - besonders für die unter- und mangelernährten Kinder. Zwei Sozialarbeiter besuchen regelmäßig die Familien der Kinder und halten Kontakt zu den Schulen und Lehrern.
Auch im „Youth ALive Center” sind die drei Geschwister unzertrennbar. Sharifu passt auf, dass den Kleineren nichts passiert. Gemeinsam mit den anderen Kindern und Jugendlichen spielen sie gerne Ball oder was ihnen sonst gerade so einfällt. Gweso mag besonders das gute Essen im „Club”. Und anschließend hilft er gerne beim Abwasch.









