Eine wahrhaft königliche Familie
In der Filialkirche Heilig-Geist im Essener Stadtteil Katernberg geht es zu wie auf einem Ameisenhaufen. Ehrenamtliche Helfer legen Segenssprüche und Handzettel bereit, Goldkronen und hölzerne Goldsterne werden ausgepackt und mit wenigen Handgriffen verwandeln sich 20 Schülerinnen und Schüler in kleine Könige. Endlich geht es los: die Sternsinger kommen! In Plastiktüten hat Stefanie Hilgert die Kostüme für ihre vier Söhne mitgebracht: für jeden eine Tüte mit einer weißen Kutte, Goldkrone und einem bunten Stoffumhang. „Passen deine Armee auch gut durch?“, fragt sie David, der versucht, die Stoffkutte über seiner dicken Winterjacke anzuziehen. Der Siebenjährige und sein Zwillingsbruder sind in diesem Jahr zum ersten Mal mit dabei und sichtlich aufgeregt. „Guck mal Mama, ich habe unseren Stern“, ruft Jeremias (10) begeistert.
„Ihr seid sehr mutig!“
Nebenan werden die letzten Gruppenfotos gemacht und vor dem Altar versammeln sich schon die ersten Kinder. Pfarrer Sebastian Nieto ist eigens in seine ehemalige Gemeinde nach Katernberg gekommen, um die Kinder vor dem Sternsingen zu segnen. „Ich freue mich, dass ihr so zahlreich erschienen seid. Ihr seid sehr mutig!“, begrüßt er die Kinder. „Der Herr segne eure Aktion, die Menschen, die ihr besucht, eure Begleiter und euch selbst.“ 45 Jungen und Mädchen werden in den kommenden drei Tagen im ganzen Stadtteil unterwegs sein, den Segen Gottes in die Häuser und Geschäfte bringen und um Spenden für arme Kinder zu bitten. „Zum Schluss steht dann noch ein Besuch im Altenheim und der Empfang beim Essener Oberbürgermeister an“, erklärt die Sternsingerverantwortliche Stefanie Göllner.
Ein letztes Mal üben die vier Brüder ihren Segensspruch: „Mit dem Stern in unsrer Hand...“ „Lauter“, ermutigt Mutter Stefanie die vier. „Stell dir vor, David, die Frau, die dir die Türe aufmacht, hat ihr Hörgerät nicht an.“ Die ersten Tränen kullern über die Backen des Jungen. Tröstend nimmt die Mutter ihn in den Arm. „Du machst das super“, lobt sie seinen Zwillingsbruder Samuel, „du bist ein ganz toller Sternträger.“ Die Mutter ist als Kind jahrelang selbst Sternsingerin gewesen. Jetzt sind es die beiden jüngsten, die aufgeregt ihrem ersten königlichen Auftritt entgegenfiebern. „Bewaffnet“ mit einer Spendenbüchse, Liedzetteln, Segensaufklebern und Kreide, gehen die vier gemeinsam mit der Mutter los. Unterwegs üben die Jungs noch einmal ihre Texte und Sternsingerlieder.

- Im warmen Wohnzimmer, vor dem Adventskranz, singen die Kinder ihre Lieder.
Eine großzügige Spende und eine süße Wegzehrung
Durch den winterlichen Schnee stapfen die Sternsinger in eine S-Bahn-Unterführung, durch eine kleine Geschäftsstraße, vorbei an alten, rußgeschwärzten Backsteinhäusern zur ersten Haustüre. Jonathan klingelt, doch leider ist keiner zu Hause. Auch die zweite Haustüre bleibt verschlossen. „Wir sind dieses Jahr zum ersten Mal schon vor dem Dreikönigstag unterwegs“, erklärt Stefanie Hilgert, „da rechnen viele noch gar nicht mit uns.“ An der dritten Türe haben die kleinen Könige Erfolg. „Ah, die Sternsinger, kommt rein,“ begrüßt eine Frau die Kinder. Im warmen Wohnzimmer, vor dem Adventskranz, singen die Kinder ihre Lieder und sagen ihren Segensspruch auf – noch ein wenig holprig, doch die anfängliche Scheu ist überwunden. Ihr Einsatz wird mit einer großzügigen Spende belohnt und mit selbstgemachten Keksen als Wegzehrung. „Ihr seid super!“, verabschiedet die Dame die vier Jungs und wünscht ihnen noch viel Erfolg.
Eine lange Wegstrecke und unzählige Treppen muss die Gruppe in den nächsten Stunden bewältigen. „Das ist ganz schön anstrengend“, sagt Jonathan, „aber ich spiele Basketball und Fußball, deswegen bin ich fit.“ Der Zwölfjährige ist bereits zum fünften Mal als Sternsinger unterwegs. Beim gemeinsamen Vortreffen haben er und seine Brüder auch viel über die Kinder im Beispielland der diesjährigen Aktion erfahren. „Im Senegal können viele Kinder nicht in die Schule gehen, weil sie Schafe hüten, oder Wasser holen müssen“, erklärt Jonathan. Deswegen sind er und seine Brüder in diesem Jahr als Sternsinger unterwegs, um für die Kinder im Senegal und anderswo zu sammeln. Und die Menschen spenden großzügig. „Der hat gerade 20 Euro rein getan“, flüstert Samuel seiner Mutter einige Häuser weiter zu und schüttelt die immer schwerer werdende Spendenbüchse. „Wie viel da wohl schon drin ist?“
Segen für ein Weltkulturerbe
Zwei Stunden später steht ein ganz besonderer Besuch auf dem Programm: erstmals soll auch die Essener Zeche Zollverein den Sternsingersegen erhalten. Auf der größten freistehenden Rolltreppe Deutschlands fahren die Kinder zum Besucherzentrum des Weltkulturerbes. Stellvertretend für alle Kollegen nimmt Empfangsmitarbeiter Axel Crefeld dort den Segen entgegen. Der Familienvater hat früher selbst viele Jahre seine Tochter beim Sternsingen begleitet. „Auch die Bergleute waren früher ja sehr mit der Kirche verbunden, da passt der Segen auf jeden Fall sehr gut hierher“, sagt er. „Ich habe größten Respekt vor den Kindern, die bei solchen Temperaturen durch die Straßen laufen.“ Die Kinder bitten auch noch einige Besucher um eine Spende und stellen sich bereitwillig als Fotomotiv für mehrere Touristen auf.
Wenig später besuchen die Brüder in der heimischen Wohnsiedlung die letzten Häuser für diesen Tag. Fünf Stunden Sternsingen liegen hinter den Kindern, als sie um 16 Uhr zum gemeinsamen Essen in der Kirche eintreffen. „Mir hat das Singen am meisten Spaß gemacht“, sagt Samuel nach seiner Sternsingerpremiere. „Man geht durch die Straßen und setzt sich für ärmere Kinder ein, das finde ich super“, sagt Jonathan, „da merkt man erst einmal, wie gut es einem selbst geht.“ Zufrieden und müde beenden die Geschwister ihren Sternsingereinsatz und freuen sich vor allem auf eines: die vielen Süßigkeiten, die sie an den Haustüren als Lohn für ihren Einsatz bekommen haben. Denn die werden am Ende unter allen fleißigen Königen gerecht aufgeteilt.



