STERNSINGEN > Empfang Kanzleramt > Wir fahren nach Berlin

Rückblick 2010

Wir fahren nach Berlin!

Chiara, Johannes, Sara-Jane und Mirjam gehören zu den 108 glücklichen Sternsingern, die den Segen ins Bundeskanzleramt bringen dürfen und Bundeskanzlerin Angela Merkel höchstpersönlich kennenlernen werden. Wir haben sie im Zug von Wuppertal nach Berlin begleitet.

Von Lampenfieber keine Spur: die Wuppertaler Sternsinger tragen im Großraumabteil des ICE 558 ihre Lieder vor. Fotos: Stefanie Wilhelm

Da staunen die Bahnreisenden nicht schlecht! Während der ICE 855 mit 223 Stundenkilometern zwischen Bielefeld und Hannover an verschneiten Feldern vorbeifegt, wird im Gang des Zweite-Klasse-Großraumwagens ein Notenständer aufgestellt. Begleitet von einer Querflöte singen vier königlich gekleidete Kinder lauthals „Gloria, gloria, glooria“. Die Kinder heißen Chiara, Johannes, Sarah-Jane und Mirjam und gehören zu den insgesamt 108 Sternsingern, die zu Bundeskanzlerin Angela Merkel fahren und Gottes Segen ins Bundeskanzleramt bringen.

Bis es soweit ist, nutzen die Wuppertaler Sternsinger die Zeit im Zug nach Berlin schon mal, um sich warm zu singen und die Zuggäste um Geld zu bitten, für Kinder, denen es nicht so gut geht. Nervös wirken sie dabei nicht, im Gegenteil. Geradezu entspannt sehen sie aus, so als wäre gar nichts dabei, in einem vollbesetzten Großraumabteil zu singen. Sara-Jane zuckt mit den Schultern: „Wir sind ja schon seit vier Jahren Sternsinger. Wir sind in Übung“, sagt sie. „Nur in der ersten Klasse ist es nicht so gut“, findet Mirjam. „Da sind so wenige Leute, dass man sich vorkommt wie in einer Geisterstadt.“

Gute Bilanz: Fast 200 Euro konnten die Kinder im Zug sammeln.

Verschollene Post
Wenn sie an das morgige Treffen mit Angela Merkel denken, sind dann doch alle ein bisschen aufgeregt. „Vor allem freu ich mich darauf, Frau Merkel die Hand zu geben“, sagt Johannes. „Und auf das Foto mit ihr.“ Der Elfjährige wusste beim Preisrätsel des Kindermissionswerks die richtige Antwort und hatte bei der Verlosung die nötige Portion Glück. Das Rätsel entscheidet alljährlich darüber, welche Gruppen beim Kanzlerempfang in Berlin dabei sein dürfen.

Fast hätten die Wuppertaler Sternsinger jedoch gar nicht von ihrem Sieg erfahren. Der Brief mit der Gewinnbenachrichtigung ging verloren und blieb bis zum letztmöglichen Rückmeldetag ungeöffnet. Als das Kindermissionswerk vorsichtshalber noch einmal anrief und nachfragte, ob die Gruppe denn gar nicht mitwolle, war die Überraschung groß. „Ich hatte genau eine Stunde Zeit, vier Kinder zu finden!“ sagt die Sternsinger-Verantwortliche der Gemeinde, Ursula Tigges. Zum Glück fiel das nicht schwer. Johannes, Chiara, Sara-Jane und Mirjam waren sofort dabei. „Mein Vater hat mich von einer Freundin abgeholt und mir auf der Nachhausefahrt erzählt, dass ich mit nach Berlin darf“, sagt Chiara. „Ich habe es ihm erst nicht geglaubt!“

Schatzsuche im Keller
Was zieht man an, wenn man der Bundeskanzlerin den Segen bringt? „Normalerweise gehen wir in Umhängen Sternsingen, die wir über unsere normale Kleidung ziehen“, erzählt Mirjam. Doch für den Besuch im Bundeskanzleramt wollen die Vier mehr. „Vor über zwanzig Jahren gab es einmal sehr schöne Gewänder mit Hosen, Hemden und Umhängen in unserer Gemeinde“, erinnert sich Ursula Tigges. Kurzerhand ging sie im Keller der Pfarrei auf Schatzsuche und – wurde fündig! „Die Gewänder waren wirklich noch da, in einem alten Koffer! Sie rochen etwas muffig, aber nach dem Waschen waren sie einwandfrei!“

Auch für den eigens angefertigten Stern der Gruppe ging es in den Keller – diesmal in den eigenen: „Wir hatten noch Reste vom Segelflugzeug-Baumaterial meines Mannes“, erzählt Ursula Tigges. „Das ist so ähnlich wie Styropor und schön leicht.“ Für den Stab des Sterns musste der Teleskopstil vom Schrubber der Familie dran glauben. „Den kann man abschrauben und ein- und ausfahren. So ist unser Stern schließfachtauglich“, erklärt Frau Tigges. Praktisch, denn nach ihrer Ankunft wollen die Wuppertaler Sternsinger erst einmal die Hauptstadt erkunden, und das am liebsten ohne Gepäck. Zwischen Brandenburger Tor, Gruselkabinett und Checkpoint Charlie würde ein Stern eher stören.

Endlich angekommen! Die Sternsinger freuen sich auf Sightseeing in der Hauptstadt.

Berlin, wir kommen!
Als Sternsinger wollen sich die vier auf ihrer Sightseeingtour durch Berlin dennoch zu erkennen geben. Chiara knotet Mirjam einen quietschorangen Schnürsenkel ins Haar. „Wir tragen alle den Sternsinger-Schnürsenkel, das Symbol der diesjährigen Sternsingeraktion“, erklärt sie. Johannes bindet seinen Schnürsenkel in den linken Schuh. „Vielleicht sehen wir in der Stadt ja noch andere Kinder mit den Schnürsenkeln“, sagt er und wird prompt vom Knarren des Lautsprechers unterbrochen.

„In wenigen Minuten erreichen wir Berlin Hauptbahnhof“, tönt die Stimme des Zugbegleiters durch das Abteil. Chiara, Johannes, Sara-Jane und Mirjam stürmen zur Tür. Johannes steigt als erster aus und macht einen Luftsprung. „Wir sind in Berlin!“, jubelt er. „Da drüben, die Kuppel vom Reichstag!“, ruft Mirjam. „Und das Bundeskanzleramt. Ob Angela Merkel sich schon auf uns freut?“ Die vier jedenfalls können den morgigen Tag kaum erwarten. „Eine so berühmte Person persönlich zu treffen, das ist schon ein großes Erlebnis“, sagt Sara-Jane. Das finden die anderen auch.