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Beispielland Senegal

Reportagen und Berichte über das Beispielland der Aktion Dreikönigssingen 2010

Reiseberichte aus aller Welt

Reportagen und Berichte aus dem Senegal

Senegals Fischer in der Krise

Dieser Fischer in Saint Louis hat noch nicht aufgegeben.
Foto: missio Austria

Pirogen sind kleine Holzboote, eigentlich in die Länge gezogene Nussschalen, mit denen die senegalesischen Fischer aufs Meer fahren. „Diese hier sind alle von ihren Besitzern verlassen worden”, sagt der 32-jährige Allioun und deutet auf sechs alte Pirogen, die nebeneinander am Strand liegen. „Sie sind alle weg und haben sie hier liegenlassen. Verlassen. Sie sind alle emigriert, um mehr Geld zu verdienen und ihre Familien zu ernähren.”

Der Senegal lebt vom Meer. Das kleine westafrikanische Land hat eine der letzten großen Fischreserven der Welt, aber dennoch könnten immer weniger Fischer von ihren Erlösen leben, sagt einer der Bewohner eines halbverlassenen Fischerdorfs: „Es gibt keine Fische mehr im Meer, daher sind die meisten Pirogen auch nach Spanien gefahren. Es gibt hier keine Arbeit, hier gibt es gar nichts mehr zu tun. Das Meer ist leer, und es gibt auch keine Pirogen mehr, die fischen gehen. Es gibt noch nicht einmal mehr Leute hier, die fischen gehen könnten.”

Schätzungsweise 60.000 Menschen im Senegal sind Fischer. Sie gehören zu der ärmsten Bevölkerungsschicht des Landes, aber gleichzeitig ernähren sie doppelt bis dreifach so viele Menschen. Mit ihren klapprigen Holzbooten konkurrieren sie allerdings gegen die Hightech-Flotten der Europäer. Und weil die schwimmenden Fischfabriken ihnen die Fische vor der Nase wegfangen, müssen sie immer weiter die Küste Richtung Süden fahren. „Sie fahren nach Gambia, Guinea Bissau, Guinea Conakry, bis nach Sierra Leone”, sagt die Fischverkäuferin Aminata. „Manche fahren auch bis nach Spanien.”

Seit mindestens zehn Jahren würden die westafrikanischen Gewässer von europäischen und japanischen Flotten systematisch überfischt, warnen Umweltschützer. Sogar chinesische Flotten gibt es inzwischen vor der Küste Senegals. Für mehrere Millionen Euro im Jahr kaufen sie den Senegalesen Fischereirechte ab. Und darunter leiden die einheimischen Fischer. Anstatt zu fischen werden sie „Reiseunternehmer”. Sie verkaufen ihre Pirogen und fahren mit einer vollen Ladung Menschen nach Spanien. Damit verdienen sie mehr als früher, sagt Alioun. Er wurde nach seiner Ankunft auf Teneriffa aufgegriffen und wieder zurückgeschickt. „Du weißt genau, es fehlt der Fisch, es fehlt die Arbeit, von der die Senegalesen in der Zukunft leben sollen. Schau her, das hier sind die Kisten, wo die Fische reinkommen, das gehört zu den Pirogen, aber wo sind die Menschen, die den Fisch fangen sollen?”

Alioun wollte auch weg. Er verkaufte sein gesamtes Hab und Gut und sprach einen ihm bekannten Fischer an: „Wir sagen den Besitzern, wir wollen nach Spanien fahren. Das waren bei uns zum Beispiel 79 Leute. Und jeder gibt dem Besitzer 500.000 afrikanische Francs.” Das sind rund 350 Euro. Bei 79 Insassen verdient der Besitzer der Piroge dann mehr Geld als in einem Jahr durch den Fischfang.

Alioun zeigt auf eine verlassene Piroge. „Schau dir das Holz an. Es ist tot, aber wir wollen hier weg, also geben wir das Geld einem Schreiner, der die Piroge ausbessert, diese hier zum Beispiel. Normalerweise passen hier zehn oder 15 Leute rein, aber weil es im Senegal nichts gibt, müssen wir weg. Wir sind kleine Kinder, wir haben nichts, keine Autos, keine Häuser, du kannst noch nicht einmal drei mal täglich was essen.” Also verlassen die Menschen ihre Dörfer. Erst fehlen die Boote, dann fehlen die Menschen, und zum Schluss fehlen die Fischer, die das Dorf ernähren.

„Sie sind alle weg. Du kannst dir vorstellen, was dadurch Fürchterliches passiert. Es gibt nichts mehr zu essen. Das Dorf hat keine Fischer mehr, und wenn alle Fischer weg sind, dann gibt es eine schwere Hungersnot, das ist furchtbar. Das ist ein verlassenes Dorf.” Ein Teufelskreis. Am Ende will jeder nur noch weg. Schätzungsweise neun von zehn Senegalesen würden am liebsten sofort das Land verlassen. Der Massenexodus hat gerade erst begonnen.

Jan Tussing

"Kinder finden neue Wege" heißt das Leitwort der 52. Aktion Dreikönigssingen 2010. Das Beispielland des kommenden Dreikönigssingens, das am 29. Dezember in Hamburg bundesweit eröffnet wird, ist der Senegal. Hier finden Sie eine wachsende Sammlung von Reportagen und Berichten, die sich mit dem Land und den Menschen beschäftigen.