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Beispielland Senegal

Reportagen und Berichte über das Beispielland der Aktion Dreikönigssingen 2010

Reiseberichte aus aller Welt

Christen und Muslime im Senegal

Auch die Senegalesen wissen, dass das Zusammenleben von Christen und Muslimen nicht überall auf der ganzen Welt konfliktfrei ist. Umso stolzer verweisen sie auf ihr „Modell“ der interreligiösen Begegnung und des Dialogs des Lebens, eine Mischung aus guten Voraussetzungen und nötigem Realismus.

Der Muslim Baye Diouf hat im Ordensmann Bernard de la Coix csj einen wichtigen Gesprächspartner gefunden. Foto: missio/Zerche

1. Typisch Senegal
Die Christen bilden in dem westafrikanischen Staat eine Minderheit, sie machen nur etwa 7 % der Bevölkerung aus. Anders als in anderen islamisch dominierten Ländern gibt es nach dem Urteil von Ernest Sambou, dem Bischof von Saint Louis, „keine Probleme zwischen Moslems und Christen und die beiden Gemeinschaften verstehen sich gut.“ Wesentliche Vorraussetzungen des gelingenden Zusammenlebens sind die von Haus aus nicht-radikalen Sufi-Bruderschaften und die von der französischen Kolonialmacht eingeführte säkulare Demokratie. Diese beinhaltet auch die Religionsfreiheit, „die es jedem ermöglicht allein oder mit anderen gemeinsam den Glauben – privat oder öffentlich – zu leben und auch für eine Person die Möglichkeit eröffnet, die Religion zu wechseln, wie es das Gewissen erfordert.“ Konkret bedeutet das im Senegal, dass z. B. christliche und muslimische Feiertage für alle schul- und arbeitsfrei sind.

2.  „Dialog des Lebens“ statt „interreligiösem Dialog“
Im Senegal koordiniert eine nationale Kommission für den islamisch-christlichen Dialog das Gespräch zwischen Christen und Muslimen auf der Ebene der Verantwortlichen. Denn gerade der Dialog des Lebens ist nachhaltiger Auftrag an jeden Christen. Doch der Herz-Jesu-Missionar P. Marcel Pichonnaz msc mahnt zur Vorsicht: „Wir müssen aufpassen, welche Ausdrücke wir wozu benutzen: Was bedeutet das Wort „Dialog“? Ein senegalesischer Imam hat in einer Predigt gesagt: ‚Ich glaube nicht, dass der islamisch-christliche Dialog irgendeinen Nutzen bringt. In der alkafirum Sure 4 ist ausgedrückt, dass es im Islam keinen solchen Dialog gibt. Im Koran ist der Dialog ein friedlicher Aufruf an alle Menschen, an Allah und seinen Propheten zu glauben.’“ Papst Benedikt XVI. schreibt in einem Vorwort für das Buch  ‚Warum wir uns Christen nennen müssen’, dass er den Ausdruck „Interreligiöser Dialog“ lieber durch „interkulturellen Dialog“ ersetzt: „Während über die Glaubensentscheidung ein wirklicher Dialog nicht möglich ist, ohne dabei den eigenen Glauben auszuklammern, müssen in der öffentlichen Konfrontation die kulturellen Folgen der grundsätzlichen Glaubensentscheidung behandelt werden. Hier sind der Dialog und eine gegenseitige Korrektur sowie eine gegenseitige Bereicherung möglich und notwendig.“

Enge Freundschaften von christlichen und muslimischen Familien erleichtern den Dialog des Lebens. Foto: missio/Zerche

3.  Praktische Umsetzung zwischen Ideal und Realität
Vier Situationen veranschaulichen das „Modell Senegal“.
a) Teranga – Gastfreundschaft
Der Senegal ist sprichwörtlich gastfreundlich und so wird auch Teranga – die Gastfreundschaft – zwischen den Religionen als Ideal hoch gehalten. Es ist selbstverständlich geworden, dass sich Christen und Muslime gegenseitig einladen. Francois findet es allerdings schade, dass in der Realität die Muslime die Gastfreundschaft der Christen nicht erwidern. Umgekehrt bringen die Christen als Gäste bei muslimischen Ereignissen ihren Respekt durch die Anwesenheit zum Ausdruck.

b) Gemeinsamer Einsatz gegen die Not der Menschen
Popenguine heißt ein Dorf südlich von Dakar, in dem die muslimische Bevölkerung den Bau einer von französischen Jugendlichen finanzierten Krankenstation unterstützt hat. Der 52-jährige Baye Diouf hat inzwischen Freundschaft mit dem katholischen Ordensmann Bernard de la Croix geschlossen. Für die Krankenstation dankt er Allah und folgert: „Wenn du dich bei mir bedankst, sagt Gott, dann musst du dich auch bei dem bedanken, der dir geholfen hat. Deswegen haben wir begonnen uns bei der Kirche zu bedanken, die in diesem Bereich tätig war.“

c) Gemeinsame Verantwortung in der Gesellschaft
Neben der lokalen praktischen Zusammenarbeit gibt es „auch Briefe, die vom Marabout und den Bischöfen unterschrieben wurden“, erklärt Francois. Teile der Bevölkerung reagierten empört, weil sie den Bischöfen das Recht absprachen in der Form zu sprechen. Doch die Marabouts sagten: „Ein Mann Gottes darf alles sagen, wenn etwas nicht passt.“  Schwieriger wird es allerdings, wenn die gesellschaftlichen Probleme eng mit dem Islam verbunden sind: Genitalverstümmelung bei Frauen, Polygamie und Koranschüler, die zum Betteln missbraucht werden. Bei diesen Problemen steht die Kirche an einer Grenze und kann oft den Menschen nicht einmal helfen, da sie sich nicht in die innerreligiösen Belange der Religion einmischen darf.

d) Konversionen und Apostasie
Die Familie bildet im Senegal traditionell die wichtigste soziale Einheit. Obwohl nur jeder fünfzehnte Senegalese Christ ist, sind Christen und Muslime oft blutsverwandt, wie der Muslim Baye Diouf humorvoll erklärt: „Hier in Popenguine haben Christen und Muslime dasselbe Blut. Zum Beispiel sind der verstorbene Erzbischof von Dakar und ich von der gleichen Familie. Ich Muslim, er Kardinal.“ In diesen „gemischten Familien“ sind auch Konversionen zum Christentum kein Problem, urteilt P. Joseph Giordano. Anders im Norden des Landes, wo die Gesellschaftsstruktur noch sehr homogen ist. Dort kommt es vor, dass aufgrund der Kombination von Islam und afrikanischer Kultur die Freiheit des Einzelnen zum Wohl der (Groß-)Familie gering geachtet wird.

P. Joseph Giordano ist Missional und Missio-Nationaldirektor im Senegal. Foto: missio/Zerche

4. Christentum erklären
Die Situation hat sich in den vergangenen Jahrzehnten spürbar verbessert, weil „wir in den Medien präsent sind“, sagt Francois. Dazu zählen wöchentliche Fernseh- und Radiosendungen mit Priestern. Früher glaubten die Muslime oft, „dass die Christen ‚Ungläubige’ sind. Das hängt oft mit dem ‚moralischen Verfall’ der westlichen Kulturen zusammen. Propagierter ‚Sex’ und hegemoniales Streben einzelner Staaten. Wenn sie verstehen, dass Christen beten, dass sie eine oft strenge Lebensführung aufweisen, dann haben sie einen ganz anderen Blick auf die Christen.“

5. Resümee

„Im Allgemeinen werden die Christen bei den Moslems geschätzt“, sagt Bischof Ernest Sambou. Und bei allen konkreten Schwierigkeiten, die die Koexistenz erfordert, kann man mit Baye Diouf sagen: „Ich danke Gott für das gute Verhältnis von Christen und Muslime. Mein Wunsch ist, dass es überall auf der Welt so ist, wie in Popenguine.“

Stefan Lobnig