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Treffpunkt Müllhalde
Auf der größten Müllkippe in Mexiko-Stadt wohnen und arbeiten viele tausend Mexikaner
von Rainer Kalb
Der Fahrer des mexikanischen Fußball-Verbandes braucht zwei Stunden, um das Ziel zu finden. Innerlich schüttelt er bestimmt den Kopf. Hierhin hat er noch nie Gäste gebracht. Mehrfach muss er nach dem Weg fragen. Treffpunkt Müllkippe. Das schreibt sich so einfach dahin, Müllkippe. Es handelt sich um ein Areal von vier mal zwölf Kilometern. Es stinkt. Ein süßlicher Geruch liegt in der Luft; das Wort Duft zu benutzen, verbietet sich. „Der Wind steht gut. Heute ist es erträglich“, erläutert einer der Begleiter.
50 Pesos für ein Kilo Müll
Oben auf der Halde erwartet Pater Roberto, ein 72-jähriger Jesuit, die Vertreter des Kindermissionswerkes und der DFB-Stiftung Egidius Braun. Einmal pro Woche erhält er von der Müllmafia das Recht, ihr Gebiet zu betreten, um für die Arbeiter eine Messe zu lesen. Weshalb wird bald klar. Die Müllmänner sind gnadenlose Konkurrenten. Für ein Kilo wiederverwertbaren Mülls erhalten sie 50 Pesos, was ungefähr 3,30 Euro entspricht. An diesem Tag sind 150 Gläubige zum Gottesdienst gekommen, einige von ihnen bestimmt auch wegen des wöchentlichen Esspaketes (Bohnen, Reis, Mehl), das sie nach der Messe erhalten. Jeder stellt sich an, erhält eine Nummer für die Armenspeisung danach.
Ein Künstler, beeindruckt vom Werk des Paters, will für den Platz, wo die Messe stattfindet, eine lebensgroße Marien-Statue aus Bronze spenden, damit die Arbeiter auch unter der Woche einen Ort zum Beten haben. Pater Roberto sagt: „Dann müsst ihr aber eine Wache rund um die Uhr organisieren, sonst wird sie geklaut.“ Erst zögernd, dann mehr und mehr, erklären sich die Gläubigen dazu bereit.
Leben in der Müllkippe – ohne Wasser, ohne Strom
Nach der Essensausgabe verabschiedet sich eine Frau. „Ich gehe mich nur für die Arbeit umziehen“, sagt sie fast entschuldigend und verschwindet hinter einem Müllberg. Wir werden aufgeklärt, dass dies mit größter Wahrscheinlichkeit geflunkert ist. Viele der hier Anwesenden leben in, ja: in! der Müllkippe – ohne Wasser, ohne Elektrizität. Sie dürfen es nur nicht zugeben, aus Angst vor Repressalien durch den Staat. Für den Staat existiert das „Lumpenproletariat“ nicht. Der neue Reichtum versickert woanders. „Zwischen 50 und 80 Familien haben Mexiko im Griff“, erzählt ein Experte resigniert. Für Renten- und Krankenkassenbeiträge haben die Ärmsten der Armen sowieso kein Geld. Eine Ärztin ist gekommen, behandelt hinter einem an die Rückfront des Geländewagens gesperrten Leinentuch die Verletzungen und Erkrankungen, die sie behandeln kann. Vorsorge? Was soll sie den Menschen, selbst wenn sie nicht im Müll leben, über Hygiene erzählen?
Die ersten „Häuser“ – meist Ein-Zimmer-Wohnungen, keine 20 Quadratmeter groß – stehen keine 500 Meter von der Einfahrt zur Müllkippe entfernt. Mexiko-Stadt wächst und wächst, hat jetzt einschließlich der Vororte 24 Millionen Einwohner. Da, wo die Slums waren, wurden Wohngebiete errichtet und das Terrain teuer verkauft. Da, wo der Müll war, wurde dieser planiert und mit ein paar Metern Erde abgedeckt. Da wohnen jetzt die „reichen“ Müllmänner. Wie vergiftet die Erde zwei Meter unter ihrem Boden ist, fragt niemand. Zehn Menschen, drei Generationen in einem Raum, sind keine Seltenheit. Auch Kindesmissbrauch, Vergewaltigung sind keine Ausnahme, die jemanden erschüttern würde. Redet die Ärztin mit ihren Patienten über solche Themen? Oder über Aids? Sie zuckt mit den Schultern: „Über solche Themen wird doch auch in Europa selten offen diskutiert. Und Sie dürfen nicht vergessen, dass Mexiko ein sehr, sehr katholisches Land ist.“
Arbeiten auf der Müllkippe als sozialer Aufstieg
Ein Widerspruch sticht in europäische Augen: Mexiko hatte kurz vor dem Besuch der Delegation aus Deutschland seinen Nationalfeiertag gefeiert, die 1821 erzielte Unabhängigkeit von Spanien. Und auf jeder Hütte in dieser unüberschaubaren Elendssiedlung am Fuße der Müllkippe, wirklich noch auf jedem Wellblechdach flatterte die mexikanische Fahne im Wind. Beatrice Kalz, deutsche Studentin, die Pater Roberto seit zwei Jahren unterstützt, klärt die Unwissenden auf: „Diejenigen, die hier leben, sind stolz auf ihr Land. Für sie ist die Arbeit auf der Müllkippe ein sozialer Aufstieg, denn sie haben wenigstens Arbeit – und die Hoffnung, irgendwann vom Rand in die Innenstadt zu gelangen.“ Das Problem der Landflucht ist enorm. Das knapp zwei Millionen Quadratkilometer große Land (Deutschland: 357.000), kann seine 104 Millionen Einwohner nicht ernähren – und in 50 Jahren sollen es schon 200 Millionen sein.
Damit die Kinder, wenn die Eltern im Müll arbeiten oder ihn verkaufen, nicht auf den Straßen herumlungern, hat Pater Roberto mit finanzieller Hilfe der DFB-Stiftung Egidius Braun und des Kindermissionswerks drei Kindergärten mit 500 Plätzen gebaut. Sie platzen aus allen Nähten, aber sie sind eine Hilfe. Mittags liegen die Kleinen hier wie die Sardinen, den Kopf an den Füßen des Nachbarn gebettet, zur Siesta. Sie werden ernährt, es wird mit ihnen gespielt. In einem der Kindergärten hat Pater Roberto auch eine Arztstation eingerichtet. Unter der Leitung einer Kunstlehrerin und Kinderpsychologin werden verhaltensauffällige Kinder in einer Mal- und Spieltherapie psychologisch betreut.
Auf der Rückfahrt ins Zentrum stehen wieder Kinder an den Ampeln, die die Autoscheiben waschen wollen, die Wasser, Zeitungen oder Maiskolben feilbieten. Die europäischen Augen sehen sie jetzt anders. Wenigstens Kinder, die eine Art von Auskommen haben.
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