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Der São Francisco
Der São Francisco ist einer der wichtigsten Flüsse Brasiliens. Sein Wassereinzugsgebiet, das größtenteils durch halbtrockenes Klima geprägt ist, umfasst eine Fläche von rund 640.000 Quadratkilometern (das entspricht mehr als 1,7 Mal der Fläche Deutschlands). In dieser Trockenregion, dem „Sertão“, leben rund 14 Millionen Menschen, für die der Fluss die zentrale Lebensader bedeutet.
Interview
Die Ableitung des São Francisco – eine trügerische Rettung
Die kirchliche Landpastoral (Comissão Pastoral da Terra, CPT) unterstützt Landarbeiter, Kleinbauern und Landlose mit ihren Familien. Sie organisiert Versammlungen, gibt rechtlichen Beistand und landwirtschaftliche Beratung. Antonio Cleide Gouveia (33) und sein Team der CPT in Cajazeiras (Bundesstaat Paraíba), beschäftigen sich auch mit der Ableitung des São Francisco.
Was halten die Menschen hier von der Ableitung des Flusses São Francisco?
In vielen anderen Bundesstaaten sind die Menschen gegen die Ableitung des Flusses, viele haben sogar dagegen protestiert. Hier in Paraíba befürworten viele Menschen das Projekt. Sie denken, dass die Ableitung des São Francisco ihre Rettung sein wird und dass sie mit dem Wasser auch in der langen Trockenzeit ihre Felder bestellen können. Aber das ist eine Illusion. Wir als Landpastoral setzen uns gegen die Ableitung des Flusses ein.
Warum?
Ich bin fest davon überzeugt, dass nur die großen Industrien von der Ableitung profitieren. Sie verwenden das Wasser unter anderem als Kühlwasser. Das benutzte Wasser wird später wieder in den Fluss abgeleitet, was starke Verschmutzungen zur Folge haben wird. Außerdem wird der Wasserpreis stark ansteigen. Das wird auch zu Lasten der kleinen Leute gehen. Bisher zahlen sie nur einen geringen Preis für das Wasser aus dem nahe gelegenen Stausee.
Statt die exportorientierte Industrie zu unterstützen, sollte die Regierung sich vielmehr um die Nahrungssicherung und Wasserversorgung der lokalen Bevölkerung kümmern. Würde die Regierung das Geld in den Bau von kleinen Kanälen, Brunnen oder Zisternen investieren, würden alle Menschen in der Region davon profitieren.
Die Landpastoral kämpft aktiv gegen die Ableitung des Flusses São Francisco. Wie sieht ihre Arbeit aus?
2008 haben wir an der großen Protestaktion gegen das Projekt im Bundesstaat Bahia teilgenommen. Hier in der Region halten wir Vorträge und leisten Aufklärungsarbeit. Doch sehr viele Menschen sind immer noch davon überzeugt, dass die Ableitung positive Folgen für sie haben wird. Selbst mein Vater glaubt daran.
Hintergrund Die brasilianische Regierung hat mit einem gigantisches Vorhaben begonnen: die Ableitung des Flusses São Francisco über zwei künstliche Kanäle – der Bau startete 2008. Teile des Flusswassers sollen mittels riesiger Pumpstationen über hunderte Kilometer abgeleitet werden. Der damalige Präsident Lula sah das Projekt als Lösung für die Probleme der Wasserversorgung im halbtrockenen Nordosten Brasiliens. Experten gehen jedoch davon aus, dass die Ableitung nur einem sehr kleinen Teil der Bevölkerung dieser Trockenregion zugute kommen wird. Hauptnutznießer des immensen Investitionsvorhabens werden Bewässerungsprojekte der Exportlandwirtschaft, agroindustrielle Unternehmen, Banken und Baukonzerne sein. Die im Hinterland verstreute Bevölkerung, die am stärksten vom Wassermangel betroffen ist, wird kaum davon profitieren. |
Eine wichtige Zielgruppe Ihrer Arbeit sind auch Kinder ...
Ja, gemeinsam mit IRPAA, der Caritas, dem Kindermissionswerk und weiteren Partnern hat die CPT zwei Bücher für Grundschulkinder entwickelt, die in allen Schulfächern angewandt werden können. Die Lieder, Geschichten und Aufgaben darin sind an die Lebenssituation der Menschen im Sertão angepasst. In den Rechenaufgaben wird mit Bohnensamen addiert, im Portugiesischunterricht lesen die Kinder eine Geschichte über den trockenen Nordosten Brasiliens. Es gibt auch ein eigenes Kapitel über die Bedeutung des Flusses São Francisco für die Region. Bisher konnten wir 5.000 Exemplare an Schulen verteilen. Nun hoffen wir, dass künftig die Regierung die Finanzierung übernimmt und wir schon bald weitere Bücher produzieren können. Es ist wichtig, dass wir mit unserer Arbeit bei Kindern anfangen. Sie sind die Zukunft Brasiliens.



