Einen Kredit aufnehmen für die Bezahlung der Arztkosten oder für Medizin, für die Mitgift der Tochter oder für eine Beerdigung – in Indien ist das für viele besitzlose Familien Normalität. Dass es bei der Vergabe eines solchen Kredits nicht immer fair zugeht, darf keine Rolle spielen. Weil sie von den Banken nichts bekommen, müssen sich die Familien das Geld bei wohlhabenden Unternehmern leihen. Im Gegenzug fordern diese nicht selten die Arbeitskraft des Kreditnehmers, den sie dann durch eine extrem niedrige Bezahlung und durch die Veranschlagung hoher Zinsen für den Kredit von sich abhängig machen. Oft schuften die Familien jahrzehntelang für die Rückzahlung, manche verbringen ihr ganzes Leben in so genannter Schuldknechtschaft. Mindestens 20 Millionen Inder leben nach Schätzungen der „Bewegung zur Befreiung aus der Schuldknechtschaft“ (Bandhua Mukti Morcha) in diesen zwanghaften Arbeitsverhältnissen – darunter etwa sechs Millionen Kinder.
Sklaven in den Steinbrüchen
Fast 2.000 Kinder kommen täglich in die Steinbrüche der Provinzhauptstadt Chennai im Süden Indiens. Die jüngeren von ihnen sind einfach da, weil es keinen anderen Ort für sie gibt an dem sie sein können, wenn Eltern und Geschwister zum Arbeiten in den Steinbruch gehen. Kinder, die kräftig genug sind helfen bei der schweren Arbeit, beim Schlagen und Schleppen der Steine. Die Luft ist grau, der Staub setzt sich in Nase und Lungen fest. Die baumlose und trockene Ebene bietet kaum Schutz vor der glühend heißen Sonne. Der Handel mit Steinen boomt, weltweit. Marmor, Granit und Sandstein finden reißenden Absatz für die Herstellung von Grab- und Pflastersteinen. Rund 2.500 Familien sichern sich in den 500 Steinbrüchen in der Region um Chennai ihr Überleben, viele arbeiten um ihre Schulden abzuzahlen. Fast drei viertel der Frauen, Männer und Kinder, die hier arbeiten, können weder schreiben noch lesen, sie wissen nichts von Arbeitsschutz und Menschenrechten. Die schwere körperliche Arbeit und die schlechte Luft schädigen ihre Knochen, Muskeln und Atemwege. Wie Sklaven leben die meisten Familien direkt neben den Steinbrüchen in winzigen Hütten.
Hilfe für Kinder und ihre Familien
Die Schwestern vom Presentation Convent wollen den Familien helfen. Sie fordern ein Ende der Zwangsarbeit, bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen und vor allem die Abschaffung der Kinderarbeit. Auch in Indien ist Kinderarbeit offiziell verboten! Mit Beratung und Rechtsbeistandwollen sie die Eltern dabei unterstützen, sich aus den Knebelverträgen der Unternehmer zu befreien. Und die Kinder sollen in die Schule gehen. Anwälte sollen die Rechte der Kinder zur Not auch vor Gerichtvertreten und dafür sorgen, dass skrupellose Unternehmer wegen der Ausbeutung von Kindern verurteilt werden. Zunächst aber tut Aufklärung Not: Was heißt Kinderarbeit, und welche Folgen hat sie für die Entwicklung der Kinder? Welche Verantwortung trägt die Familie? Welche Möglichkeiten gibt es? Ein Straßentheatersoll zukünftig Antworten auf diese Fragengeben. Auf den zentralen Plätzen der Dörfer führen Jugendliche und Erwachsene in kleinen Szenen vor, was sich tagtäglich in den Steinbrüchen abspielt und zeigen, dass es auch anders gehen kann: Kinder, die spielen und in die Schule gehen, die lesen und schreiben können. Denn, so wissen die Schwestern, erst einmal müssen sie die Eltern auf ihre Seite bringen und ihnen verständlich machen, dass es andere Wege für ihre Kinder gibt.
Kinder fördern
Weil viele Kinder jahrelang keine oder sogar noch nie eine Schule besucht haben, ist es wichtig, sie umfassend zu fördern. In dem eigens eingerichteten Lernzentrum bieten die Schwestern Nachhilfe und Hausaufgabenbetreuung, um zu verhindern, dass die Kinder die Schule wegen mangelnder Leistung vorzeitig abbrechen müssen. Für die Durchführung des Straßentheaters, für Unterhalt und Ausstattung des Lernzentrums sowie für die Deckung der Kosten für die Rechtsberatung und das Personal haben die Schwestern das Kindermissionswerk um Unterstützung gebeten.





