Stein auf Stein
In Madagaskar schuften Halbwüchsige in riesigen Steinbrüchen
Kinderarbeit in ihrer grausamsten Form: In Madagaskar schuften Halbwüchsige in riesigen Steinbrüchen, ruinieren sich Rückgrat und Gelenke für einen Hungerlohn. Eine aus Indien stammende Ordensfrau wollte das nicht länger mit ansehen und startete – mit Unterstützung der Sternsinger aus Deutschland – ein Gegenprogramm.
Eine Szene wie aus dem Alten Ägypten, als man die Pyramiden baute: Vor unseren Füßen öffnet sich ein Krater, von Menschenhand in den Boden getrieben. 30 Meter tief an manchen Stellen; roh behauener Stein. Das Klackern von Meißeln erfüllt die Luft, schwillt an, ebbt ab, bricht sich an den Wänden des gigantischen Steinbruchs, ein Flirren von spitzen, harten Schlägen wie eine akustische Fata Morgana. Es müssen mehr als hundert sein: Männer, Frauen – und Kinder, die im Steinbruch von Itaosy im Umland von Antananarivo, der Hauptstadt Madagaskars, den Rücken krumm machen. Die meisten hocken in der prallen Sonne, manche kauern sich unter Schirme oder einen behelfsmäßigen Sonnenschutz. Auch Babys sind da, dösen vor sich hin, und ab und zu legen ihre Mütter den Hammer zur Seite, um ihnen die Brust zu geben.
Die Größeren müssen schon mit anpacken, und „größer“ heißt kaum älter als zehn Jahre. Zum Beispiel Philippe: Seit Stunden schon schlägt der Elfjährige mit der Präzision einer Maschine Steine klein. Füllt den Schotter durch ein Sieb in eine flache Schale; was nicht durch das Sieb passt, muss weiter zerkleinert werden, sonst gibt es Ärger mit den Auftraggebern – Agenten von Baufirmen aus der Stadt. Der Körper des Jungen scheint nur aus Haut und Sehnen zu bestehen, seine Hände, die er nicht mehr richtig strecken kann, sind von Schwielen übersät. Acht Stunden täglich zu hämmern bereite ihm keine großen Anstrengungen, beteuert der Junge, doch er spricht stockend und kann vor Müdigkeit die Augen kaum offen halten.
„Ich frage mich immer wieder: Warum sind sie so arm? Die wenigsten können drei Mal am Tag essen. Aber es ist nicht ihre Schuld. Es ist auch nicht Gottes Schuld. Wir können es nicht von heute auf morgen ändern, aber wir können zumindest dazu beitragen, dass sich das Leben dieser Menschen zum Besseren wendet.“ Schwester Pélagie ist keine Frau, die es bei Worten belässt. Als sie nach Itaosy kam und zum ersten Mal den Steinbruch sah, war sie schockiert – und beschloss zu handeln.
Die erste Sorge muss den Kleinen gelten
Den Kleinen, das war ihr sofort klar, müsse ihre erste Sorge gelten. Deshalb richtete die Schwester auf dem Areal ihres Ordenshauses zwei Klassen ein, in denen die Kinder der Steinklopfer Lesen, Schreiben und Rechnen lernen. In eine staatliche Schule zu gehen, das war ihnen bisher verwehrt. Denn dazu bräuchten sie eine Geburtsurkunde, und die haben sie nicht, weil sich ihre Eltern das Geld für die Stempelmarken nicht leisten können.
Und noch ein Grund hält sie von den Meldeämtern fern: In Madagaskar sind Erwachsene dazu verpflichtet, pro Woche einen halben Tag Gemeinschaftsarbeit zu leisten, zum Beispiel Ziegel zu brennen, wenn ein Versammlungsraum gebaut wird, die Straßen ausbessern und ähnliches. Viele der Arbeiter in den Steinbrüchen sind dazu aber nicht in der Lage, weil sie sieben Tage die Woche, vom frühen Morgen bis zum Sonnenuntergang, hämmern und meißeln, um ihre Familien zu ernähren. Würden sie sich und ihre Kinder bei den Gemeinden melden, würde man sie wegen nicht geleisteter Gemeinschaftsstunden sofort zu einer Geldstrafe verdonnern.
Für Schwester Pélagie ist es schwer, die Eltern davon zu überzeugen, ihre Kinder zum Unterricht ins Ordenshaus der „Schwestern vom Guten Hirten“ zu schicken, obwohl dort – anders als in den öffentlichen Bildungseinrichtungen – kein Schulgeld zu bezahlen ist. „Sie sagen, sie brauchen die Kinder selber; die Jungen zum Steine klopfen, und die Mädchen müssen auf ihre jüngeren Geschwister aufpassen.“ Erst allmählich keimt bei den Leuten die Einsicht, dass auch die Schule einen Wert hat, nicht zuletzt deswegen, weil die Schwestern neben geistiger auch Nahrung für den Körper verabreichen, will heißen: eine warme Mahlzeit täglich.
Der Grundstein für eine Zukunft, die jetzt auch für Philippe begonnen hat: Besser mit elf Jahren mit dem Lernen beginnen als nie, hat ihm Sr. Hilaria bei ihren zahlreichen Besuchen im Steinbruch gut zugeredet und schließlich die Zustimmung seiner Eltern erhalten, den Jungen zur Schule zu schicken. Sein Klassenzimmer ist ein Blech-Container von vielleicht 30 Quadratmetern, in dem sich mindestens ebenso viele Schüler drängen. Mathematik ist dran, das kleine Einmaleins. Ungelenk kritzelt Philippe ein paar Zahlen in sein Heft. Noch merkt man deutlich, dass er mit dem Hammer wesentlich besser umzugehen weiß als mit Tinte und Papier. Schweiß tritt auf seine Stirn, als säße er auf seinem Platz im Krater. Doch dorthin wird er erst am Nachmittag zurückkehren. Und irgendwann wird er diesen Platz vielleicht für immer verlassen.







