Wer kümmert sich um meine Kinder, wenn ich sterbe?
Die St. Monica's Widow Group in Kisumu hilft Witwen und ihren Kindern
Kenia K 90 0130 006
Am Ufer des Viktoriasees füllt Susana viele Eimer mit Sand und trägt diese bis an die Aufladestelle an der Straße. Mama Susana schleppt Eimer für Eimer, Tag für Tag, bei Regen ebenso wie bei sengender Hitze. Sie ist 76 Jahre alt und seit 26 Jahren Witwe. Sie hat neun Kinder, fünf von ihnen sind bereits tot - an Aids gestorben. Die größte Herausforderung für die alte Frau ist, ihre sechs verwaisten Enkelkinder zu ernähren und großzuziehen. Gemeinsam mit einer Nachbarin und ihrem ältesten Enkel braucht Mama Susana zwei Tage, um eine Lastwagenladung voll Sand zusammen zu bekommen. Für die sieben Tonnen Sand bekommen sie 1.000 Kenianische Schilling, rund 11 Euro. „Ich hoffe, dass ich noch lange gesund und stark bin, um für meine Enkelkinder zu sorgen”, sagt sie. Das jüngste Kind ist gerade einmal zwei Jahre alt.
"Ich kenne keine Familie, die nicht auch von Aids betroffen ist!"
Susanas Geschichte spiegelt die traurigen Schicksale tausender Witwen im Westen Kenias wieder. Die Provinz Nyanza am Viktoriasee gehört zu den ärmsten Regionen des Landes, über zwei Drittel der Bevölkerung leben unterhalb der Armutsgrenze. Für die extreme Armut dieser Region gibt es viele Gründe: Durch langanhaltende Trockenperioden und Überschwemmungen sind die Ernteerträge seit Jahren stark zurückgegangen. Aufgrund der ökologischen Zerstörung des Viktoriasees können viele Menschen auch vom Fischfang nicht mehr leben. Mit 15% ist die Aids-Rate in der Provinz Nyanza mehr als doppelt so hoch wie im Landesdurchschnitt. In Kenia sterben täglich viele Menschen an den Folgen von Aids. Zurück bleiben mehr als 1,1 Mio. Waisenkinder. Rund die Hälfte von ihnen stammt aus dem Westen Kenias. „In unserem Distrikt kenne ich kein Dorf und keine Familie, die nicht von Aids betroffen ist”, erklärt Edmund Otamo, dessen Mutter eine der Gründerinnen der St. Monica’s Widows Group ist. Auch er ist infiziert. Seine erste Frau ist vor fünf Jahren gestorben, seine zweite Frau vor wenigen Wochen.
Tödliche Traditionen
In dem Gebiet rund um den Victoriasee ist es Tradition, dass Frauen nach dem Tod ihres Mannes an einen der Brüder des Verstorbenen „weitervererbt” werden. Auf diese Weise sollte gewährleistet werden, dass verwitwete Frauen im Schutz der Familie weiterleben können. Aber heute weigern sich immer mehr Frauen, zur Ehefrau eines Schwagers zu werden, um der tödlichen Gefahr durch HIV/Aids zu entgehen. Doch sie werden von Familie und Dorfgemeinschaft ausgestoßen und nicht selten von den Familienangehörigen ihres Mannes ihres gesamten Besitzes beraubt: Vieh, Erspartes, Einrichtungsgegenstände, Werkzeuge und Kleider. Auch das Land des Verstorbenen geht in den Besitz der Familie über. Zudem glauben die Menschen, auf Witwen, die sich nicht mit einem Schwager wiederverheiraten lassen, laste ein böser Fluch. Für alles, was der Familie zustößt, Unfälle, Krankheiten, Todesfälle und andere Schicksalsschläge, für alles werden sie verantwortlich gemacht. Mittellos und von der Gemeinschaft ausgestoßen müssen diese Frauen alleine ihre Kinder oder verwaisten Enkelkinder großziehen und ernähren.
Verbündet in ihrem Schicksal
Aus ihrer akuten Not heraus schlossen sich 1983 in dem kleinen Dorf Madiany, unweit des Viktoriasees, 21 Witwen zusammen und gründeten die St. Monica’s Widows Group. Bis heute haben sich der Frauengruppe 220 Witwen angeschlossen, die für über 1.500 Kinder sorgen. Die Witwen sind füreinander da und helfen sich gegenseitig.
Kinder im Mittelpunkt
Auch wenn es sich dem Namen nach um ein „Witwenprojekt” handelt, so stehen doch die Kinder der Frauen im Mittelpunkt. Der innigste Wunsch der alleinstehenden Frauen ist, die Zukunft ihrer Kinder abzusichern. Durch die Unterstützung des Kindermissionswerk „Die Sternsinger” können derzeit 300 Kinder zur Schule gehen. 25 Jugendliche absolvieren eine Berufsausbildung als Mechaniker, Schweißer, Frisör, Schneider oder Modedesigner. „Leider können wir bisher nur eines von durchschnittlich sieben Kindern pro Familie unterstützen”, erklärt George Oyareh, der verantwortliche Projektkoordinator der St. Monica’s Widows Group. „Für weitere 1.200 Kinder suchen wir dringend Unterstützung!”








