„Ihr habt die Kraft, das zu verhindern“

Ein Medienseminar in Johannesburg will südafrikanische Jungen und Mädchen vor Kinderhandel schützen

Gefährlich oder nicht? Lehrerin Jelinda Adams diskutiert mit ihren Schülern deren Schulweg zur Naturena Schule im Süden von Johannesburg. Foto: Susanne Dietmann/Kindermissionswerk

Die Fußballweltmeisterschaft, die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko oder ein Kind, das vom Bus angefahren wurde. Die 40 Kinder, die an diesem Samstagvormittag in der Johannesburger Universität Witwatersrand zusammengekommen sind, wissen genau, worüber die südafrikanischen Medien derzeit berichten. Doch auch ein anderes Thema taucht kurz vor der Fußballweltmeisterschaft immer häufiger in den Medien auf: Child trafficking – Kinderhandel. „Ich habe im Radio gehört, dass ein kleines Mädchen ganz bei uns in der Nähe entführt worden ist“, erzählt die elfjährige Chloë. Und genau deswegen sind die 40 Schülerinnen und Schüler aus zwei Johannesburger Schulen heute hier: um über das Thema Kinderhandel zu sprechen und zu lernen, wie sie sich und andere davor schützen können.


Susanne Dietmann berichtet von ihren Erlebnissen auf ihrer Projektreise in Südafrika im Sternsinger-Blog >>


Ausbeutung, Gewalt und falsche Versprechen

Eingeladen hat Media Monitoring Africa (MMA), eine südafrikanische Organisation, die schon seit 15 Jahren Medienseminare für Kinder organisiert. Mit Unterstützung des Kindermissionswerks „Die Sternsinger“ veranstalten sie im Umfeld der Fußballweltmeisterschaft nun erstmals eine Seminarreihe zum Thema Kinderhandel. „Was bedeutet Kinderhandel überhaupt?“, will Trainerin Laura von den Jungen und Mädchen wissen. „Wenn eine Frau oder ein Kind in ein anderes Land gebracht und zum Sklaven gemacht wird“, antwortet ein Mädchen im rosa T-Shirt. Auch Stichworte wie „Ausbeutung“, „Gewalt“ oder „falsche Versprechen“ fallen in der anschließenden Diskussionsrunde. „Nicht nur Mädchen, sondern auch Jungen werden Opfer“, klärt Laura die Kinder auf. Und ermutigt sie gleich im Anschluss: „Aber ihr habt die Kraft, das zu verhindern.“

Iman und ihre Mitschülerin Shahana präsentieren den anderen Kindern ihre Karte mit dem Weg zur Schule. Foto: Susanne Dietmann/Kindermissionswerk

Spielerisch erarbeiten die Schüler anhand von fiktiven Situationen, wie sie sich verhalten sollen, wenn etwa ein angeblicher Freund der Eltern sie von der Schule abholen will. „Und was macht ihr, wenn euch ein Fremder auf der Straße anspricht?“, fragt Trainerin Ronell die Kinder. Mehrere Arme schießen gleichzeitig in die Höhe. Einige der Schüler machen sich sogar Notizen und schreiben das neu Gelernte auf. In Kleingruppen zeichnen sie anschließend ihren Schulweg auf und tragen überall dort Totenköpfe ein, wo Gefahren lauern. Lachende Gesichter symbolisieren all diejenigen Orte, an denen sie sich sicher fühlen können. „Wir haben auf der großen Hauptstraße einen Totenkopf eingezeichnet, dort fahren ganz viele Autos“, stellt Jéad das Ergebnis ihrer Gruppenarbeit vor. „Und im Park. Da gibt es viele Bäume und Gebüsche, in denen sich böse Menschen verstecken können.“ Gemeinsam erarbeiten die Kinder anschließend den sichersten Schulweg.

Kinder als Medienexperten

Bei der nächsten Übung sollen die Kinder anhand von aktuellen Zeitungsausgaben herausfinden, wie in den Medien über sie berichtet wird und anschließend beurteilen, ob sie damit einverstanden sind. „Schließlich sollt ihr richtige Medienexperten werden“, erklärt Trainer George den Kindern das Ziel der Aufgabe. „Vorsicht vor Kinderhandel während der Weltmeisterschaft“, lautet eine Überschrift, „Diese Kinder brauchen Ihre Hilfe“, steht über einem anderen Artikel geschrieben. In Kleingruppen diskutieren die Kinder die Artikel und schreiben ihre Gedanken dazu auf. Wie im Flug vergeht der Seminartag und am Ende sind die Teilnehmer ein wenig enttäuscht, dass sie die Ergebnisse ihrer Zeitungsrecherche erst beim zweiten Seminartag eine Woche später präsentieren dürfen.

„Welches Thema wird in dem Artikel behandelt?“ oder „Was denkst du über das Thema“ – die Kinder müssen verschiedene Fragen zu den Zeitungsartikeln beantworten. Foto: Susanne Dietmann/Kindermissionswerk

„Nächsten Samstag ist eure Meinung gefragt“, verspricht ihnen Laura zum Abschluss, „es wird nämlich eine richtige Pressekonferenz mit vielen Journalisten geben. Bis dahin muss jeder von euch aber mindesten zwei oder drei anderen Kindern davon erzählen, was ihr heute gelernt habt.“ Mit einem lauten und einstimmigen „Ja“ antworten die Kinder. „Es war sehr interessant und vor allem die Gruppenarbeit hat mir großen Spaß gemacht“, bewertet Eathon (10) das Programm. Und seine Mitschülerin Zandile (11) pflichtet ihm bei: „Ich habe sehr viel gelernt.“ Lehrerin Jelinda Adams ist stolz, dass ihre Schüler als Teilnehmer ausgewählt wurden. „Viele von ihnen kommen aus gefährlichen Stadtteilen. Ich finde es sehr wichtig, dass sie lernen, wie sie sich im Notfall verhalten müssen. Der Tag hat ihnen die Augen geöffnet und war eine große Chance für die Jungen und Mädchen. Nun können das, was sie gelernt haben, an die anderen Kinder weitergeben.“

Susanne Dietmann (Kindermissionswerk)