Welttag gegen Kinderarbeit
Im indischen Chennai arbeiten fast 2.000 Jungen und Mädchen als Kindersklaven im Steinbruch
Fast 2.000 Kinder kommen nach Zählungen der Schwestern des „Presentation Convent“ jeden Tag in die Steinbrüche der Provinzhauptstadt Chennai im Süden Indiens. Mit ihren Eltern brechen sie Steinbrocken aus dem Berg und schleppen sie kilometerweit, um sie an anderer Stelle zu kleinen Kieseln zu zerschlagen. Der Staub setzt sich in den Lungen fest. Schutz vor der glühend heißen Sonne gibt es nicht, und die Pausen sind kurz. Einen Feierabend kennen die Steinbrüche nicht. 24 Stunden sind die Maschinen in Betrieb und zwingen die Familien, in Schichten zu arbeiten.
Der Handel mit Steinen boomt. Rund 2.500 Familien sichern durch diese Arbeit ihren Lebensunterhalt. Schon vor zwei Jahrzehnten sind die meisten Familien hergekommen. 500 Steinbrüche sind zurzeit in Betrieb. Fast drei viertel der Frauen, Männer und Kinder, die hier arbeiten, können weder schreiben noch lesen. Die verheerenden Folgen, die die schwere Arbeit und die schlechten Arbeitsbedingungen für ihre Gesundheit haben, spüren sie am eigenen Leib. Und doch wissen sie keinen Ausweg.
Wie Sklaven leben die meisten Familien direkt neben den Steinbrüchen in armseligen Hütten, in Staub und Dreck. Viele von ihnen leben in Schuldknechtschaft: Kredite, die sie in schlechten Zeiten von den Unternehmern erhalten haben, müssen sie mit Wucherzinsen zurückzahlen. Reicht die Arbeit der Eltern für die Tilgung nicht aus oder wird das Geld nicht fristgerecht zurückgezahlt, zwingen die Gläubiger die Familien, auch ihre Kinder arbeiten zu lassen.
Umfassendes Programm soll Zwangsarbeit in Chennai stoppen
Die Schwestern vom „Presentation Convent", Projektpartner des Kindemissionswerks "Die Sternsinger" in Chennai, fordern ein Ende der Zwangsarbeit für Kinder. Dazu haben sie ein umfassendes Programm auf die Beine gestellt: Mit Beratung und Rechtsbeistand wollen sie die Schuldknechtschaft der Familien stoppen. Anwälte sollen die Rechte der Kinder zur Not auch vor Gericht vertreten und dafür sorgen, dass skrupellose Unternehmer wegen der Ausbeutung von Kindern verurteilt werden. Denn auch in Indien ist Kinderarbeit offiziell verboten.
Zunächst tut Aufklärung not: Was bedeutet Kinderarbeit, und welche Folgen hat sie für die Entwicklung der Kinder? Welche Verantwortung trägt die Familie? Antworten soll künftig ein Straßentheater geben, das regelmäßig an zentralen Plätzen in den Dörfern aufgeführt werden soll. Denn, so wissen die Schwestern, erst einmal müssen sie die Menschen auf ihre Seite bringen und ihnen verständlich machen, welch gravierende Folgen die Ausbeutung der Kinder für ihre Entwicklung hat. Langfristig sollen Kinderschutzkomitees in den Dörfern die Rechte der Kinder sichern und dafür sorgen, dass alle Kinder in die Schule gehen und genug Zeit zur Erholung haben.
Weg in ein neues, selbstbestimmtes Leben
Neben den Eltern sind die Dorfvorsteher wichtige Verbündete im Kampf gegen die Kinderarbeit. Sie haben nicht nur Einfluss auf die Dorfbewohner, sondern auch auf die Unternehmer. Gemeinsam mit den Schwestern versuchen sie diese davon zu überzeugen, dass Kinder von der Zwangsarbeit befreit werden müssen und zur Schule gehen sollten. Weil viele Kinder jahrelang nicht zur Schule gegangen sind, haben die Schwestern ein Lernzentrum eingerichtet. Hier werden die Schülerinnen und Schüler auf ihrem Weg in ein neues, selbstbestimmtes Leben begleitet. Nachhilfe und Hausaufgabenbetreuung sollen verhindern, dass die Kinder die Schule vorzeitig abbrechen.
Zur Sache
Kinderarbeit in Schuldknechtschaft
Mindestens 20 Millionen Inder leben in Schuldknechtschaft – darunter etwa sechs Millionen Kinder, schätzt die „Bewegung zur Befreiung aus der Schuldknechtschaft“ (Bandhua Mukti Morcha). Schon ein kleiner Kredit, den eine arme Familie für Arztkosten oder Medizin, für eine Mitgift der Tochter oder eine Beerdigung aufnehmen muss, kann zu lebenslanger Abhängigkeit führen. Wucherer, wohlhabende Bauern und Unternehmer sind oft die einzigen Kreditgeber. Im Gegenzug fordern sie die Arbeitskraft des Kreditnehmers, seiner Kinder oder seiner ganzen Familie als Gegenleistung. Die miserablen Löhne und exorbitanten Zinsen machen die Rückzahlung selbst winziger Krediten oft nahezu unmöglich. Betroffene Eltern und Kinder verbringen daher nicht selten ihr gesamtes Leben in Schuldknechtschaft.


