OBS-Award 2008: Bestes PR-Foto des Jahres

Wenn es bitterkalt wird in Ulan Bator, kriechen die Ärmsten in die Eingeweide der Stadt. Für die vierzigjährige Gaana und ihre jüngste Tochter Otgontsereg liegt der Einstieg in die Unterwelt auf dem Gelände des Busbahnhofs.
Foto: Rolf Bauerdick

„Abstieg in die Unterwelt“

Der Fotograf Rolf Bauerdick.

Intensiver Einblick in das Leben der Obdachlosen in Ulan Bator

Das Kindermissionswerk "Die Sternsinger" ist für das beste PR-Bild des Jahres aus Deutschland und der Schweiz ausgezeichnet worden. Mit dem Motiv "Abstieg in die Unterwelt" erzielte das Kinderhilfswerk der katholischen Kirche den ersten Platz des Wettbewerbs obs-Awards 2008.

Inszeniert, gestellt oder ein doch Schnappschuss?
Der Journalist und Fotograf Rolf Bauerdick (51) reiste 2006 für das Kindermissionswerk „Die Sternsinger“ in die Mongolei. Zu seinem Foto erzählt Bauerdick:

„Das Foto ist weder inszeniert noch gestellt, aber auch kein Schnappschuss. Ich habe die 39 Jahre alte Obdachlose Gaana und ihre Kinder vier Tage lang begleitet. Dabei habe ich einen sehr intensiven Einblick in ihr Leben gewonnen, wobei viele 100 Bilder entstanden sind.

Das Foto entstand an einem Freitag vor den Weihnachtsferien. Normalerweise lebt Gaanas fünfjährige Tochter Otgontsereg in einem Heim, doch in den Ferien und an den Wochenenden wohnt sie bei Mutter und Geschwistern in einem ‚Menschenloch’.

So nennt man in Ulan Bator die Hohlkammern des städtischen Heizungssystems, der einzige Ort für die Obdachlosen, die extrem kalten mongolischen Winter zu überleben. Der Einstieg in Gaanas Wohnhöhle liegt am städtischen Busbahnhof. Deshalb halten sich auch die Soldaten dort auf.

Gaanas Höhle misst zwei Mal zwei Meter. Das stickige Loch teilt sie mit ihrer ältesten Tochter Ankhtsereg und deren Säugling Ankhbayar. Als Schlafstelle dient ein feuchtklammes Nest aus zerschlissenen Wolldecken. In dem Loch tummeln sich zudem ein halbes Dutzend verwilderte Welpen. ‚Wo Hunde sind’, sagt Gaana, ‚sind keine Ratten. Nur diese widerlichen Kakerlaken, die kriegst du nicht weg.’

Wenn ich das Bild betrachte, sehe ich immer den Aufschrei in Gaanas stummem Blick. Es ist schlichtweg unerträglich, dass Menschen so leben müssen. Trotzdem war die Begegnung mit ihr sehr bereichernd. Wir haben uns in den gemeinsamen Tagen sehr gut verstanden und viel miteinander gelacht.

Und, unvorstellbar! Gaana hat mir in Ulan Bator ein paar Orte gezeigt, wo es den Leuten noch viel dreckiger geht als ihr selbst und für die sie selber Mitleid empfindet. Wo trifft man noch sol-che Menschen? Umso mehr freut es mich, dass mir Kontaktleute in der Mongolei erzählt haben, dass Ganchimeg nach langen Ringen inzwischen endlich eine Wohnung gefunden hat.“