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„HIV-Nonne“ mit Netzwerk

Schwester Esther Mwangui kümmert sich in den Slums von Nairobi um HIV-Patienten

Kasarani ist eine Slumsiedlung in der kenianischen Hauptstadt Nairobi und eines der „besseren" Armenviertel - der Großteil der Einwohner lebt immerhin in gemauerten Gebäuden, wenn auch unter beengten Verhältnissen. Doch auch in Kasarani gibt es die behelfsmäßig zusammengezimmerten Hütten aus Holz und Wellblech, in denen es weder einen Wasseranschluss noch Elektrizität gibt, wo auf einer Feuerstelle im Hof gekocht wird und die einzigen Toiletten die Latrinen der Nachbarschaft sind. In Vierteln ähnlich wie Kasarani leben rund 60 Prozent der Einwohner von Nairobi, mehr als zwei Millionen Menschen. Die Glücklichen unter ihnen haben einen festen Job - als Hausmädchen, Gärtner oder Fahrer in den Haushalten der kenianischen Mittelklasse. Aber die meisten kämpfen als Tagelöhner, Wäscherinnen oder Kleinhändler jeden Tag ums Überleben.

John Mwuora (rechts) kümmert sich um seine jüngeren Geschwister – für das Studium bleibt ihm keine Zeit. Fotos: Grossmann/Kindermissionswerk

Anstreicher statt Arzt

Esther Mwangui, die 29 Jahre alte Ordensschwester der kleinen Schwestern des heiligen Franziskus und gelernte Krankenschwester, kümmert sich vor allem um Slumbewohner, die zu krank oder schwach zum Arbeiten sind oder um Familien wie die von John Mwuora und seinen fünf jüngeren Geschwistern. Der 23 Jahre alte John muss seinen jüngeren Geschwistern Vater und Mutter ersetzen. Der Vater starb schon vor fünf Jahren an Aids, die Mutter im vergangenen Jahr. „Eigentlich wollte ich Medizin studieren, ich hatte sogar ein Stipendium", sagt der ernste junge Mann. „Aber es war ja schon lange klar, dass unsere Eltern nicht mehr lange leben würden."

Statt über medizinischen Lehrbüchern zu sitzen, streicht er in einer kleinen Malerfirma Wände, abends organisiert er den Haushalt der Geschwister. Eine seiner jüngeren Schwestern hat ein Stipendium für das Gymnasium, die Chance für einen sozialen Aufstieg, von dem John nur träumen kann. „Billy, mein jüngster Bruder, ist erst sechs Jahre alt. Also werde ich noch zwölf Jahre lang hier gebraucht, dann werde ich weiter sehen." Für ein Studium ist es dann zu spät. Hinzu kommt die Sorge um Billy und den achtjährigen Moses: Die beiden Jüngsten sind HIV-positiv. Dank der Medikamente, die sie von Schwester Esther erhalten, geht es den beiden Jungen gut. Doch die Angst vor dem Ausbruch der Krankheit überschattet das Leben der Geschwisterfamilie.

Milchpulver soll Ansteckung bei Säuglingen verhindern

Schwester Esther Mwangui mit einem ihrer Schützlinge

Esther Mwangui weiß, dass sie im Slum von vielen die „HIV-Nonne" genannt wird. Diesen Namen hat sie sich durch ihr Engagement für HIV-Patienten verdient. Bei ihrer Arbeit stützt sie sich auf ein Netz ehrenamtlicher Sozialarbeiter, die selbst HIV-positiv sind und die Patienten an das Krankenhaus der Schwestern verweisen. Hier organisieren sie nicht nur die medizinische Betreuung, sondern auch Selbsthilfegruppen für Patienten und Angehörige. Jede Woche versammeln sich junge Frauen mit ihren Babys, um Milchpulver abzuholen. Die nährstoffreiche Mischung soll verhindern, dass die Mütter ihre Säuglinge beim Stillen mit dem HI-Virus infizieren.

„Solange wir unsere Patienten mit Medikamenten behandeln können, haben sie sehr gute Chancen", betont Schwester Esther. „Diejenigen, die trotz Verdachts einen HIV-Infektions-Test oder eine Behandlung verweigern, sterben meist sehr schnell." Die lebenserhaltenden und -verlängernden Medikamente sind teuer - dass die Schwestern ihre Patienten versorgen können, verdanken sie vor allem der Unterstützung durch das Kindermissionswerk. „Würden wir dieses Geld nicht bekommen, müssten wir unsere Projekte einstellen", sagt die Ordensschwester.

Eva Krafczyk, dpa-Korrespondentin in Nairobi